Pressetext
VON OLIVER TEPEL
Approximation Festival 2011
In seiner sechsten Auflage erscheint das Approximation Festival im Zeichen des "&" - Eine ganze Reihe aussergewöhnlicher musikalischer Partnerschaften und Zusammenarbeiten prägen das Festival in diesem Jahr. Die Grundidee von Approximation, die Vielseitigkeit und experimentelle Bandbreite aktueller Klaviermusik zu Gehör zu bringen, erschließt dieses Mal, noch pointierter als zuvor, den Bereich aussergewöhnlicher Kombinationen. Es beginnt dabei vielleicht mit seinem Höhepunk:
Di 20.9.
Steve Reich
with the Ensemble Modern and Synergy Vocals
(Tonhalle)
Legende - ein seltener Status, erst recht, wenn er einen zu Lebzeiten ereilt, doch Steve Reich prägt die harmonische Minimal Music seit Mitte der 60er Jahre so entscheidend, daß man seine Bedeutung kaum überschätzen kann. In der Tonhalle präsentiert er seine Komposition "Drumming" aus dem Jahr 1970 und das Stück "Music vor 18 Musicans", das Mitte der 70er entstand. Beiden Stücken gemein ist eine intensive rhythmische Kraft, geprägt von Reichs Auseinandersetzung mit afrikanischer Musik. Das in seiner so präzisen wie mutigen Arbeit selbst einzigartige Ensemble Modern hat seit langem Stücke von Reich in seinem, Programm, weit seltener ist dessen persönliches Mitwirken bei der Aufführung seiner Werke. Diesmal wird er einen Schlagzeug- und einen Klavierpart übernehmen. Seit 15 Jahren arbeitet die britische Vokalgruppe Synergy Vocals in verschiedenen Konstellationen an dem Kompositionen von Steve Reich - es führt dabei eine Tradition fort welche die Swingle Singers mit Reichs Lehrer Luciano Berio begannen. Diese spezielle Dreierkombination (sprich: gleich zwei "&"s!) macht den Abend zu einem wirklich aussergewöhnlichen Ereignis.
Mi 21.9.
Howe Gelb
Jan Jelinek und Masayoshi Fujita
Der Mann aus der Wüste steht nicht nur für das, was man heute "Desert Rock" nennt, sondern auch für seine besondere, stilübergreifende Produktivität. Mit dem Rock-Idiom verbindet sich der Name seiner Band Giant Sand, dabei wechselten diese von einer traditionellen Besetzung zu einem Duo aus Gitarre, Stimme und Drums, welches sein ursprüngliches Genre immer experimenteller bearbeitete. Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts veröffentlicht Gelb nun auch Pianoalben. In ihnen reist er auf eine becircende Weise durch amerikanische Musiktraditionen, wechselt vom Barrelhouse zum Hotel-Lobby-Stil, verweilt in impressionistischen Themen oder erinnert mit grimmig groovenden Songs an die Intensität seiner früheren Bandaufnahmen. Für Approximation wird seine Technik zeigen, das Piano mit Gitarren Pick-Ups und anderer Gerätschaften präpariert zum Klingen zu bringen.
Im Zweiten Teil des Abends (und dem ersten "&") verbindet Jan Jelinek, ein Spezialist der digitalelektronischen Musik zwischen Tanzfläche und Experiment seine Töne mit dem Vibraphon von Masayoshi Fujita. Kein brandneues, doch eine noch sehr junges Aufeinandertreffen, aus welchem im letzten Jahr die LP "Bird, Lake, Objects" resultierte. Ein Werk in dem die beiden Instrumente zu einer Art Piano verschmelzen. Der klangliche Vorfahr und der entfernte, technische Nachfolger treffen sich also in der Mitte und erzeugen eindringliche Schwingungen. Dabei erinnern Fujitas Präparationen seines Vibraphons an vergleichbare Piano-Techniken diverser Künstler des Approximation Festivals.
Do 22.9.
Andrea Neumann und Hanno Leichtmann
Nik Bärtsch
Aus Berlin kommen die beiden Musiker. welche ebenfalls das Piano als Klangkörper sowohl umkreisen, als auch erweitern. Hier ist es Hanno Leichtmann der zwischen Schlagzeug zur Elektronik wechselnd, auf Andrea Neumanns speziellen Zugang zum Saiteninstrument trifft. Denn ihr Innenklavier-Spiel bewegt jene Saiten unmittelbar. Sie hat dabei das Piano auf Saiten, Rahmen und Resonanzboden reduziert, verstärkt und bearbeitet dessen Klänge elektronisch und erhält einen gänzlich eigenständigen Sound aus einem nicht minder eigenständigen Instrument. Zwei sehr unabhängig nach Klängen und Rhythmen forschende Musiker präsentieren die so abstrakten, wie unmittelbaren Sounds aktueller Pianovariationen.
Der schweizer Pianist Nik Bärtsch ist nach seinem Studium nicht nur Teil des Ensembles für Neue Musik Zürich, sondern spielt mit seinem Projekt Ronin in der vordersten Reihe aktueller Jazz-Piano Musik. Seine Crossover Kompositionen berühren dabei klassische Moderne und Minimal-Music ebenso wie den Jazz von Miles Davis und frühen Weather Report. Seine Solo Piano Improvisationen, oft zu Lichtprojektionen, führen allerdings nochmals in einen anderen Bereich in dem Elemente aus Filmbegleitungsmusik und Minimal in scheinbar unkalkulierbaren, wellengleichen Strukturen verschmelzen und den Hörer mit einer sehr unmittelbaren Kraft gefangen nehmen.
Fr 23.9.
Zoe Keating
A winged victory of the sullen
"A winged victory of the sullen" - wieder eines jener "&" Projekte, welches 2011 das Festival so prägen. Hier treffen die Komponisten Dustin O'Halloran und Adam Bryanbaum Wiltzie aufeinander. O'Halloran beehrte als einer der aktuellen Vertreter des Neo-Klassischen Pianos das Approximation Festival bereits 2007 und trifft nun bei seiner Rückkehr auf die elektronischen Sounds Wiltzies, der statt der Neoklassischen- die rauschende und brummende Seite der Minimal Music vertritt. Harmonie und Sound in einem sich ergänzenden wie überlappenden Gespräch, welches respektvoll und subtil die Möglichkeiten des Miteinanders erschließt, um daraus komplexe Stimmungsbilder zu entwerfen.
Zoe Keating ist mit ihrem Instrument, dem Cello, eine Besonderheit des Approximation Festivals und verkörpert dennoch zugleich seinen Geist, mit ungewöhnlichen Mitteln einem klassischen Instrument neue Möglichkeiten zu entlocken. Keating verknüpfte ihre Arbeit als Computersoftware-Spezialistin und Cellistin für diverse Bands der San Francisco Szene zu einer Idee des Ein-Frau-Orchesters indem sie mittels Fusspedalen den Sound ihres Saiteninstruments elektronisch verfremdet und zudem rhythmische Strukturen aufbaut. Sowohl in diversen Soundtracks wie im Bereich des modernen Tanzes werden ihre Werke eingesetzt und ihre letzte Veröffentlichung "Into The Trees" hielt sich monatelang in den Billboard Classic Charts.
Sa 24.9.
Francesco Tristano und Moritz von Oswald
(K20 Trinkausauditorium)
Der Samstag steht ganz im Zeichen einer weiteren "&" Verknüpfung: Moritz von Oswalds Weg führt vom Schlagzeuger bei Palais Schaumburg und den Doraus im Hamburger Underground der frühen 80er zu einer einzigartigen Karriere in der elektronischen Musik. Stilistisch bahnbrechende Verknüpfungen von Techno und Dub werden mit seinem Namen assoziiert, seine Zusammenarbeit mit Mark Ernestus als Basic Channel gilt als wegweisend. Seit einiger Zeit arbeitet von Oswald verstärkt auf der Basis elektronischer Musik an klassischen Kompositionen. So bearbeitete er zusammen mit Detroit-Techno Pionier Carl Craig Stücke von Ravel und Mussorgsky. Seit kurzem arbeitet er nun mit dem Pianisten Francesco Tristano zusammen. Dessen aktuelles Album "bachCage" hat von Oswald produziert. Tristano überquert dabei die Grenze von der anderen Seite aus: der an der Juillard School in New York ausgebildete Pianist überschreitet die Epochen und Stile der klassischen Musik ohne Pause - er blendet, ähnlich einem DJ, nahtlos von einem Werk in das andere. Noch verstörender wirken im klassischen Konzertbetrieb seine Bearbeitungen genuiner Techno Stücke - wobei er deren Nähe zur Minimal-Music elegant herausarbeitet. Das Zusammentreffen der Beiden Musiker verspricht eine spannendes Grenzüberschreiten in beide Richtungen und in beiderseitigem Verständnis, keine zusammengebastelte Idee, sondern gelebte Musikentwicklung.
So 25.9.
Greg Haines
Irene Schweitzer & Pierre Favre Duo
Nach Francesco Tristano folgt mit Greg Haines ein weiterer Musiker, die sich mit dem Etikett des Wunderkinds behaftet sieht. Der junge, in Berlin lebende Brite ist jedoch an seinen Instrumenten dem Piano und dem Cello kein ausgesprochener Virtuose. So beschreibt er seinen Minimalismus selbst als Notwendigkeit. Eine Notwendigkeit die ihn zum Forscher macht und seine Musik mit erstaunlichen Ideen füllt. Lange gefühlvolle Schleifen aus Loops und vielen anderen Formen der elektronischen Bearbeitung lassen einen so vollen wie zarten Klang entstehen. Bald ist es nicht mehr auszumachen, was der ursprüngliche Sound ist und was seine Bearbeitung. Gavin Bryars Kompositionen geraten in Erinnerung. Seine Konzerte leben zudem von seiner Kunst der Improvisation und den individuellen Wegen, welche seine Stücke dort beschreiten.
Das letzte "&" des diesjährigen Approximation Festivals beschreibt eine seit über 40 Jahren bestehende künstlerische Verbindung. Die Züricher Pianistin und Schlagzeugerin Irene Schweitzer und der Schlagzeuger Pierre Favre fanden in der kreativen Hochphase des europäischen Free Jazz zueinander, setzten mehr als nur Akzente, sondern gestalteten die Entwicklung einer eigenständigen Musik. Wer Improvisation eher als eine feine und sehr facettenreiche Sprache, denn als ein spontanes Zusammentreffen, versteht, wird diese Tatsache zu würdigen wissen. Dabei hat das Experiment nichts von seiner Energie verloren. Die Gestaltung neuer Klänge lässt Irene Schweizer dem Innenklavier unmittelbar Töne entlocken und eigene perkussive Strukturen herausbilden. Eine Freiheit, die aus höchster Konzentration und Aufmerksamkeit entsteht und einen enormen Detailreichtum offenbart - lebendige Musik.
Zur Bewahrung des Festivals und der Ausweitung seiner Aktivitäten auf Workshops mit den eingeladenen Musikern, Kompositionsaufträgen und der geplanten Veröffentlichung einer Vinyl LP Compilation zu jedem Festival, wurde im letzten Jahr der Verein zur Förderung des Approximation Festival e.V. gegründet. Nicht nur die die musikalischen Glanzlichter des diesjährigen Festivals laden zur Unterstützung ein, sondern auch der Ausblick auf weitere Begegnungen mit neuer, unbekannter oder viel zu selten zu hörender Musik.
Künstlerinfos
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Künstlerfotos
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