Pressemitteilung aus 2009

Das approximation Festival in 2009

Das beliebteste Instrument Deutschlands in 10 Facetten an fünf Abenden
– Das Programm 2009


Eve Risser wählt auf dieser Mission einen der radikaleren Wege. Auf ihrem Facebook Profilbild sieht man die 26 jährige Französin bei der Arbeit an den Innereien des Grand Pianos. Eve Risser präpariert die Saiten des Klangkörpers um, wie es bei Approximation immer wieder zu hören war, verblüffende Töne zu generieren. Mit dem Eve Risser Trio schafft sie lange, geschwungene Girlanden aus klirrenden wie fließenden Substanzen. Hartes wird unmittelbar neben Weichem platziert um eine dichte, wenngleich nie überfüllte Musik zu schaffen. Sie nimmt die diversen Strömungen der Jazz Avantgarde und schickt sie mit enormer Vitalität auf eine Reise zwischen der Amerikanischen Ostküste und der europäischen klassischen Avantgarde. Dabei begreift das Eve Risser Trio seine Instrumente als das primäre musikalische Material um deren klanglichen Eigenschaften in einem perkussiven Fluss aufzulösen.

Peter Broderick aus Portland in Oregon kommt 2007 nach Dänemark um mit der Band Efterklang auf Tour zu gehen. Auf dieser Reise trifft er den Berliner Pianisten Nils Frahm. Frahm macht seit Mitte des Jahrzehnts mit einer Pianomusik auf sich aufmerksam, die dem skandinavischen Jazz und insbesondere den eleganten Improvisationen Keith Jaretts geprägt ist. In seinem Spiel klingen auch Simeon Ten Holt oder Michael Nyman an doch werden sie im Zusammenspiel mit Broderick in einen neuen Kontext verfrachtet. Statt klassischer Avantgarde schaffen die beiden nun zerbrechliche Songs und Miniaturen die sich der Ästhetik des aktuellen Folk Revivals öffnen ohne dabei auf klassisches Liedgut zurückzugreifen. Es ist vielmehr eine alte, leise Melancholie die in ihrem Zusammenspiel entsteht und zwischen Piano, Stimme und Brodericks Violine ihre ganz eigene Kontur gewinnt.

Das Werk von Ryuichi Sakamoto auf einen Ankündigungstext kondensieren zu wollen wäre zum Scheitern verurteilt. Zu viele Musiken und Stile (ganz zu schweigen von Pioniertaten) hat der Japaner in den letzten 30 Jahren berührt und oftmals mitgeprägt. Vom frühen Elektropop des YMO bis zu den minimalen Werken mit Fenesz und Carsten Nicolai der letzten Jahre ist es jedoch immer wieder das große Tasteninstrument, welches sich als organischer Klangkörper in seine Arbeit einmischte, sei es als Pause von seinen digitalen Experimenten mit rythmischen Techno-Vorläufern oder in kammermusikalischer Begleitung von David Bowie und David Sylvian. Sein Solo Konzert in der Tonhalle lässt ein spektakulär rares und kaum vorhersehbares Erlebnis erwarten.

Gleichzeitig wartet Acid-Pauli mit seinem DJ-Set im Salon des Amateurs auf. Besser bekannt ist der Mann unter dem Namen Console oder als Bandmitglied von The Notwist. Acid Paulis Tracks verraten, daß der Projektname wohl gewählt ist, dabei wandern sie vom psychedelischen Rave der späten 80er zu experimentelleren Stilistiken, ohne den Groove zu verlieren. Sein von diversen Apparaturen ergänztes Auflegen erweist sich dabei auch als tastengenerierte Musik, selbst wenn das Piano hier ein digitalelektronisches Werkzeug ist.

Dustin O'Halloran ist eines dieser Wunderkinder, welche die Welt des Pianos bevölkern. Klavierunterreicht mit sieben, erste Kompositionen mit elf, fast eine bekannte Geschichte, wären da nicht Jahre der Rastlosigkeit, fern der Schwarz-Weissen-Tasten und O'Hallorans Freude am Experiment. Mit Sara Lov gründete er das Projekt Devics, welches ihn über die Grenzen Californias hinaus bekannt machte. Es folgte ein Umzug in das ländliche Italien der Emillia Romagna, Kontakte mit Ex-Cocteau Twin Saymon Raymonde und Veröffentlichungen auf dessen Bella Union Label (Midlake, Fleet Foxes). Dazu gesellen sich diverse Filmscores, darunter die Musik zu Sofia Coppolas "Marie Antoinette". In ihrer melodiösen Qualität liefern O'Hallorans Miniaturen Auswege aus der neo-klasssizitischen Falle und vermeiden ebenso die seichte Transparenz des New Age Stils. Ein Weg, der einiges an Geschick bedarf, aber genau das zeichnet den momentan in Berlin lebenden Reisenden aus.

Magda Mayas und Tony Buck kontrastieren die melodischen Miniaturen mit einem impressionistisch freien Ansatz, der die Perkussivität des Pianos im Zusammenspiel mit diversem Schlagwerkzeug betont. Tony Buck ist bekannt als Drummer der australischen Avantgarde-Jazz Band The Necks, deren Pianist Chris Abrahams vor zwei Jahren eines der beeindruckendsten Konzerte des Approximation Festivals spielte. Nun begleitet Buck die junge Pianistin Magda Mayas, die anders als Abrahams keine reverbrierenden Ströme unendlicher Texturen entwirft, sondern sehr distinktive Eingriffe in das Innerste des Flügels in einen assoziativen Strom aus Musik umsetzt. Dabei erstaunt es, wie selbstverständlich man den komplexen Wegen der Musik folgt. Eine eigentümlich faszinierende Musikerfahrung.

Hinter dem Projektnamen White Tree verbergen sich bekannte Gesichter: Robert und Ronald Lippok, zwei Drittel von To Rococo Rot, haben zwischen elektroakustischer und digitalelektronischer Musik diverse Klangbereiche ausgelotet und mit neuen Texturen versehen. Diese Liebe zum Detail zeichnet auch ihr neues Experiment mit Klangfarben aus, für dass sie sich mit niemand Geringerem als dem Pianisten Ludovico Einaudi zusammenfanden. Einaudi ist vor allem für seine Filmkompositionen bekannt, darunter: "Das große Geld" von Andrea De Carlo, Aprile von Nanni Moretti und "Der Vorleser" von Stephen Daldry. Doch Einaudi sucht mit den Lippoks etwas, das die Grenzen der komponierten Musik überschreitet. Wo Einaudis Solo-Piano-Programme Verwandtschaften zu Ryuichi Sakamoto oder Philip Glass erkennen lassen, verbindet er nun die Minimal Music mit Klängen, wie man sie von Cluster oder Harmonia kennt. Eine Rückkehr zur Hochzeit der Tastenmusik in der Popavantgarde.

Mit Philip Corner beschließt eine der bedeutendsten Persönlichkeiten aus dem Bereich der Moderne zwischen Malerei und Komposition das diesjährige Approximation Festival. Corner, der in New York in den 50ern bei Fritz Jahoda, Otto Luening und Henry Cowell sowie in Paris bei Olivier Messiaen studierte, trat Anfang der 60er als eine auffällige Persönlichkeit der Fluxus Bewegung in Erscheinung. Schon früh brachte er kalligraphische Techniken, die er in Korea gelernt hatte, in seine kompositorische Notationspraxis ein und Ergänzte seine Musik mit koreanischen Elementen zu einem komplexen System, welches den Rahmen der Minimal Music bald verließ um eine neue Klangästhetik zu entwerfen. Corner komponierte ein umfangreiches Œuvre aus Pianostücken, Chormusik und Elektronischer Musik. Sein malerisches Werk kann an Umfang und Bedeutung durchaus mit seiner musikalischen Arbeit mithalten. Dabei scheint der inhaltliche Zusammenhang zwischen Bild und klang in Corners werk stets inhärent. So funktioniert sein metaphysischer Minimalismus auf eine nahezu lautmalerisch komplexe Weise, welche die Kunst auch stets als philosophisches Arbeiten versteht.