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10.10.2007 CHRIS ABRAHAMS /Australia
14.10. 2007 FRANK ABBINANTI /Chicago
17.10. 2007 MICHAEL NYMAN Solo Concert / London
HAUSCHKA & ADAM BUTLER / Dusseldorf/Köln
Remixing Michael Nyman
21.10. 2007 REINHOLD FRIEDL (Zeitkratzer) /Berlin
MARC MATTER & FLORIAN MEYERS (Institut fuer Feinmotorik) /Dusseldorf
24.10. 2007 ANDREW POPPY / London
PAMELIA KURSTIN / Wien

APPROXIMATION 7:1 Pieces for Solopiano 2007

Das Piano provoziert. Seine mechanisch vollkommene Erscheinung preist das musikalische Potential noch bevor der erste Ton erklingt. Ein Ansporn die Tasten virtuos beherrschen zu lernen und ebenso eine stille Verheißung auf Möglichkeiten fern dogmatischer Lehren.

Zum dritten Mal präsentiert das Approximation Festival Künstler, die der Versuchung Piano auf unterschiedlichste Weise erliegen. Oftmals weniger Virtuosen im klassischen Sinne, als denn geschulte Forschende, die sich dem Instrument und seiner prägenden Rolle in der Musikgeschichte stellen. Dabei geriet die Auswahl der Künstler auch bei der dritten Auflage so vielfältig wie hochkarätig, so überraschend wie rar. Oder wann hat Michael Nyman zuletzt in Ihrer Nähe gespielt?

Michael Nyman, jener Komponist, der neben Wim Mertens den klassizistischen Minimalismus prägte. Seine reduzierten Schleifen aus barocken oder frühromantischen Klangfolgen gestalteten das akustische Innenleben der Filme Peter Greenaways und machten ihn zu dessen Hauskomponisten. Zwei Titel einer frühen Single (!) Nymans beschreiben den grazil gewagten Spagat seines Ansatzes: Mozart / Webern - Virtuosität und konzeptuelle Strenge in eine Musik gefasst. Ihn live alleine am Piano erleben zu können ist eine ausgesprochene Rarität.

Doch ihr stehen die anderen Konzerte nicht nach!
Ähnlich Nyman, wurde auch Chris Abrahams in Kreisen einer Avantgarde orientierten Popmusik bekannt. Als roter Faden zieht sich der interessante Umstand durch die dritte Auflage des Approximation Festivals, daß alle beteiligten Künstler in ihrer Karriere mit den künstlerischen Folgen von Punk in Berührung kamen. So spielte Abrahams bei den Laughing Clowns, einer einst hochgelobten Nachfolgeband der Australischen Punk-Helden The Saints. Von ihrem experimentellen Wave führte es ihn sowohl zu Jazz-Explorationen, wie auch ins Geschäft des professionellen Studiomusikers. In seinen bereits vier CD's füllenden Solo-Piano Arbeiten durchforstet er den akustischen Raum als Erinnerungsfeld.

Frank Abbinanti verknüpft den akustischen mit allen möglichen anderen Räumen. Solchen der kompositorischen Arbeit, des multimedialen Crossovers sowie der administrativen Tätigkeit, etwa als Festivalorganisator. Nicht zuletzt machte er sich mit seinen musiktheoretischen Vorträgen weltweit einen Namen. Als genüge dies nicht, beherrscht Abbinanti neben dem Piano diverse Blechblasinstrumente in Perfektion. Er nennt Cornelius Cardew und die Melodien des mittleren Ostens als Haupteinflüsse seiner stets auch explizit politischen Werke, eine Seltenheit in der heutigen E-Musik.

Den Spagat zwischen unterschiedlichen Bereichen vollführt auch Volker Bertelmann. So initiert er zusammen mit Aron Mehzion das Approximation Festival und erscheint dort zugleich unter seinem Künstler Alter Ego Hauschka. Zusammen mit Adam Butler ermixt er im Anschluss an Michael Nymans Konzert, dessen Arbeiten. Butler wiederum machte sich als Vert in den letzen Jahren einen Namen mit unerwarteten Rekombinationen oder Variationen stilistischer Vorgaben. Spätestens nach einem Digitaldatencrash geschieht dies vor allem am Piano. Butler und Bertelmann folgen nun einem zusehends auch im E-Musik-Bereich raumgreifenden Trend der elektronischen Über- Und Nachbearbeitung - hier gibt es noch Neuland zu erforschen.

In Projektform leisten Marc Matter und Florian Meyer vom Institut für Feinmotorik ähnliches. Die beiden jungen Herren aus dem Schwarzwald bearbeiten den Plattenspieler, der im Kontakt mit diversen Gegenständen tatsächlich eigenständiges Instrument wird. Hier knüpfen sie ihre Techniken an die Arbeitsweise Reinhold Friedls, der das Piano von innen bearbeitet. Sein "Inside Piano" Stil beschert Friedl seit Jahren einen Platz zwischen aktueller E-Musik und Pop-Avantgarde. Neben seiner Piano-Arbeit schuf Friedl diverse Kompositionen für unterschiedlichste Besetzungen und ist Gründer des aufsehenerregenden Zeitkratzer Ensembles. Zeit kratzen, vielleicht ist es das, was der Musik in ihren diversen Inkarnationen gelingt, statt nur Zeit zu vertreiben, was ja lediglich ein geschönter Ausdruck für Langeweile ist.

Inmitten einer Strategie gegen Langeweile erlangte Andrew Poppy seine Popularität. Nachdem auch er als Teil des melodischen Minimalismus der späteren 70er Jahre begann und sich mit der Formation The Lost Jockey einen Namen machte, landete er bei ZTT Records. Umrahmt von einer Fülle diskursiver Popansätze, verkörpert durch Franke Goes to Hollywood, Art of Noise oder Propaganda, knüpfte er rhythmische Bande zwischen Gavin Bryars und Industrial. In den letzten Jahren lehrte er am Trinity College of Music in London oder arbeite mit Claudia Brücken am Kammerpop-Projekt Another Language. Dessen Musik illustriert, wie umgeben von den gerne und ideenreich eingesetzten Synthesizern, das Piano dennoch für Poppy ein Fixpunkt blieb.

Gleichges ließ sich von Pamelia Kurstin, der zweiten Künstlerin des diesjährigen Approximation Abschlussabends, nicht so ohne weiteres behaupten. Aber genau darin liegt der Reiz, ist Kurstin doch in ihrem künstlerischen Schaffen (etwa als Begleiterin von Air oder David Byrne) so sehr mit dem sphärischen Singen des Theremins verbandelt, daß die Idee sie am Piano zu erleben noch aufregender scheint, als eine weitere Vorführeng des mysteriösen Antenneninstruments. Aber genau um dieses Ungewisse geht es, einzulösen ist es zwischen dem 10 und dem 24. Oktober im Salon des Amateurs, Düsseldorf.
Oliver Tepel

 


 

 


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